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Der lange Sommer 2014

Ich denke, dass ich eines Tages in ungefähr 50 Jahren – wenn ich erwachsene Kinder und kleine Enkelkinder habe, die auf meinem Schoß sitzen werden – dass ich ihnen dann von diesem Krieg in meiner längst vergangenen Jugend erzählen werde. Ich werde ihnen erzählen, wie wir uns vor den Bomben versteckt haben. Wie wir im Badezimmer saßen, weil wir keinen Keller hatten. Wie die Fenster erzitterten. Wie die Tränen flossen. Wie jedermann betete.

Ich werde es herausschreien, damit die ganze Welt es hört!

Ich werde ihnen erzählen, wie verängstigt ich war. Wie ich im Sommerkurs die Namen der Städte im Donbass lernte, während draußen die Gradsalven brüllten. Wie ich nicht schlafen konnte, weil die Panzer nachts über die Straßen rollten. Ich will, dass die Menschen es hören und verstehen! Ich werde ihnen von meinen dauernden Kopfschmerzen erzählen. Wie meine Mutter weinte, als sie die Nachrichten sah und las. Wie mein Bruder Schrapnelle rund um unseren Wohnblock sammelte. Wie ich die Einschlagskrater im Hof zählte. Ich möchte, dass sich jeder Nazi schämt und tief in seinem Herzen diese Schmerzen spürt.

Ich werde ihnen von den Kindern erzählen, die schreiend in die Keller flüchteten. Ich werde ihnen von den Menschen erzählen, die die Stadt verließen. Wie sie ihre Verwandten zurückließen, ihre Häuser, alles was ihnen gehörte. Wie die Stadt sich leerte. Wie Männer, Frauen und halbe Kinder ihr Mutterland verteidigten.

Ich werde den Menschen versuchen beizubringen, FRIEDEN und das LEBEN zu lieben! Ich werde ihnen erzählen, wie die Menschen die Volkswehrsoldaten „Helden“ nannten. Wie die Großmütter draußen in den Höfen die russische Hymne und Lieder aus dem II. Weltkrieg sangen. Wie sich alle Einwohner von Makeyevka auf den Spruch „Eine Sternschnuppe, wünsch dir was.“ das Gleiche wünschten.

Ich werde ihnen erklären, was passiert ist im Donbass im Sommer 2014. Ich werde ihnen von den ersten Worten meiner Lehrerin erzählen, die sie nach diesem langen Sommer zu mir sagte:“Oksana, du lebst!“. Und wie ich feststellte, WIE gern ich zur Schule gehe.

Eines Tages in ungefähr 50 Jahren werden meine Kinder und Enkel diese vielen schrecklichen Geschichten über den Krieg in meiner dann längst vergangenen Jugend hören. Und möge Gott geben, dass dies nie wieder geschieht und unsere Nachkommen davon verschont bleiben!

Oksana Kulikova
Schülerin der 11. Klasse
Schule Nr. 53 in Makeyevka, Donezk

Geschrieben für die Schulzeitung „Sparta“
Oktober 2014

Übersetzung Englisch/Deutsch: Mark Bartalmai

 

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